Wieder da und doch noch nicht in voller Kraft

Die ersten vier Monate im Jahr 2016 sind schon vergangen. Ich konnte mich nicht dazu bringen, in meinem Blog Neues zu posten. Zu viele widersprüchliche Gedanken, zu viele aufwühlende Emotionen.

Es fing mit der Europäischen „hot issue“ an. Ja, das ganze Gerede, Debatte und Kontroverse über die Flüchtlinge.

Ich habe heute entschieden, aus meiner eigenen Erfahrung zu sprechen. Vor vielen Jahren (es sind schon 26!) kam ich auch illegal in diesem Land an. Es war eine Winternacht mit klirrender Kälte. Bei -30°C zu Fuß über die Ungarische-Österreichische Grenze. Kein Gepäck, kein Geld, kein Handy… Nur die Kleider am Leib und den Entschluss ein „one way Ticket“ einzulösen.

Ich brach mein Studium ab und gab meinen Traum studiert zu haben, wegen eines anderen auf: der Traum von Freiheit – Meinungsfreiheit, Gleichberechtigung, eine gerechte Behandlung in einer Gesellschaft zu erfahren, die westeuropäische, Menschen achtende Werte lebt.

Mein Antrag auf Asyl war innerhalb von drei Monaten abgelehnt, aber ich hatte für Plan B inzwischen gearbeitet – ich bekam einen Arbeitsplatz in der Produktion eines Industrieunternehmens, wo meine Deutschkenntnisse (die sich damals auf zwei bis drei Wörter beschränkten) nicht relevant waren. Ich machte einen entschlossenen, vertrauenswürdigen Eindruck bei meiner Vorstellung, die in Englisch erfolgte.

Ich kam nicht in den Genuss Deutschkurse bezahlt zu bekommen. Das Arbeitsmarktservice wusste, dass ich außer Rumänisch noch zwei andere Sprachen beherrschte – Englisch fließend und Französisch auf einfacher Konversationsbasis. Es ist gut, dass heute das geändert wurde.

Die Zeit, in der mein Asylantrag bearbeitet wurde, verbrachte ich in einer Pension in der Steiermark. Da war für eine saubere Schlafmöglichkeit und Essen gesorgt. Mit Hilfe von Caritas konnte ich mir gute, gebrauchte Kleidung besorgen. Es gab geringes Taschengeld, das nicht dazu gedacht war, den Lebensunterhalt komplett abzudecken. So war es für jeden Flüchtling klar, nur eine Arbeit kann eine Existenz sichern, unabhängig ob Asylant oder nicht. Albaner, Kosovaren, Polen, Russen, Ungarn, Tschechen, Rumänen suchten alle nach einer Arbeit(Berechtigung), vom ersten Moment an.

Ich gebe es zu, ich hatte die letzten drei Monate damit verbracht, das Bild aus den Puzzle Teilen, die in den Medien gezeigt wurden zusammenzustellen und habe mich gefragt, wie kann es sein, das die Gesellschaft in 26 Jahren den Sinn des Lebens und der Gleichberechtigung so zu missverstehen und missinterpretierten lernte? Hat uns die Globalisierung den Hausverstand geraubt? Oder ist einfach die (de)Generation, die alles aufs Tablett bekommen hat, Schuld daran, dass Sinn von Unsinn nicht mehr unterschieden werden kann? Eine polemische Diskussion würde hier nicht helfen.

Aber es gibt noch (gottseidank) in sehr vielen Familien Menschen, die selbst erfahren haben, was es bedeutet, Flüchtling zu sein. Diese stehen uns als Zeugen zur Verfügung, um zu verstehen, wie sie diese schwierige Zeit bewältigt haben. Fragen wir doch einfach „wie war das damals, Oma, Onkel, Mutter oder Vater, als du nach Westeuropa geflüchtet bist? Was hast du dafür bekommen? Wieviel Mindestsicherung wurde dir zugesichert, noch bevor du dich auf den Weg gemacht hast?“

Jeder, der den Menschen die Eigenverantwortung nimmt, indem er die finanzielle Absicherung von der Arbeit oder einer Ausbildung unabhängig macht, entmündigt die Betroffenen und produziert Unselbständigkeit.

Wenn eine Mindestsicherung höher als die Entlohnung aus Teilzeitbeschäftigung oder Lehrlingsentschädigung ist, gibt es keinen wirtschaftlichen Druck, eine Beschäftigung anzustreben. Das Recht auf Arbeit ist eines der Grundrechte für die in der europäischen Geschichte gekämpft wurde. Europa feiert heute noch, dieses Recht gewonnen zu haben – 1. Mai ist Tag der Arbeit! Warum wird den Flüchtlingen dieses Recht auf unterschiedlichsten Wegen weggenommen?

In meiner Familie waren zwei Generationen von Flüchtling sein betroffen. Ich bin die dritte Generation. Wir haben alle eine Gemeinsamkeit: wir haben uns vom ersten Moment auf die Arbeit gestürzt und gaben diese nicht auf, egal welche Umstände gekommen waren.

Ja, das ist ein ganz anderer Blogbeitrag, aber ich würde nicht mehr schreiben können, wenn ich meine Erfahrung zu diesem Thema nicht kundmachen würde.

Ich bin dafür, dass Menschen in Not geholfen wird.

Die Hilfe besteht in Mitteleuropa in erster Linie darin, dass es Frieden gibt. Europa hat in vielerlei Hinsicht Opfer gebracht. Seien es die Männer und Frauen die im Krieg umgekommen sind, seien es Menschen die für die Freiheit der anderen, die Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau oder die soziale Gleichberechtigung gekämpft und sich geopfert haben.

Da kann jeder, der sich von Bomben oder Verfolgung nicht mehr verstecken muss, hier seine Energie in die Sicherung seines Daseins investieren.

Ein allumfassendes Resümee ist schwierig. Europa, die Europäer haben eine lange, weltprägende Geschichte für ihre Entwicklung hinter sich. Daraus ist das entstanden, wofür wir jetzt nicht mehr kämpfen (müssen).

Marie von Ebner-Eschenbach (1830-1916), eine der bedeutendsten deutschsprachigen Erzählerinnen des 19. Jahrhunderts, die ihr ganzes Leben lang gegen die etablierten Gedanken ihrer Zeit kämpfte, hat gesagt:

’’Die glücklichen Sklaven sind die erbittertsten Feinde der Freiheit. ‘‘

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